Entlastung, wenn Eltern übelst streiten 27. Juli 2011

Sind getrennte Eltern nicht zu einer Einigung fähig, kann begleiteter Umgang eine Chance sein / Kinder haben ein Recht auf Kontakt zu Bezugspersonen

Schorndorf. Beim begleiteten Umgang sind Ehrenamtliche mit dabei, wenn sich getrennte und übelst zerstrittene Eltern mit ihrem Kind treffen. Ziel ist, dass die Erwachsenen doch noch eine gute Lösung fürs Umgangsrecht finden. Denn das Kind kann nichts dafür.

Eine bizarre Situation: Ein Vater hat seine Tochter schon viele Monate nicht mehr gesehen. Und jetzt trifft er sie. Nicht in einer vertrauten Umgebung, die gibt es für die beiden gar nicht mehr. In fremden Räumen, begleitet von einer fremden Person, begegnen sich zwei Menschen, die doch eigentlich aufs Engste verbunden sind.

 

Kontakt könnte abbrechen

Helga Quast gehört zum Team der ehrenamtlichen Begleiter solcher Treffen, und natürlich ist sie sich des Befremdlichen dieser Situationen bewusst. Sie sieht’s dennoch pragmatisch, sonst könnte sie diese Arbeit nicht tun: Auf diese Weise können Kinder Menschen begegnen, die wichtig sind für sie. Ohne diese Hilfe würde der Kontakt vielleicht ganz abbrechen. Und es gibt Fälle, da sieht ein Kind beim begleiteten Umgang seinen Vater zum ersten Mal im Leben.

Kinder besitzen ein gesetzlich verbrieftes Recht, in Kontakt bleiben zu dürfen mit wichtigen Bezugspersonen. Das können auch Pflegeeltern sein nach Ende eines Pflegeverhältnisses oder Großeltern oder andere Menschen, die früher eine große Rolle im Leben des Kindes spielten und jetzt, nach Trennung und Zerwürfnis, das Kind nicht mehr sehen.

Wer welchen Anteil hat an der verfahrenen Situation, spielt beim begleiteten Umgang keine Rolle. Die Ehrenamtlichen und Brunhilde Ackerer, Leiterin des begleiteten Umgangs beim Kinderschutzbund Schorndorf/Waiblingen, schlagen sich immer nur auf eine Seite: jene des Kindes.

„Besser wär, uns bräuchte niemand“, sagt Brunhilde Ackerer, und die Mehrheit der getrennten Eltern findet ja auch Lösungen. Gelingt es nicht, führen Beratungen nicht weiter, wird das Umgangsrecht schlicht boykottiert, können Betroffene beim Jugendamt einen Antrag auf begleiteten Umgang stellen.

Entweder das Jugendamt bringt diese Form der Hilfe ins Spiel oder ein Anwalt des Kindes. Das Jugendamt genehmigt und finanziert, sofern es dieses Hilfsangebot für erfolgversprechend hält, zunächst meist zwölfmal zwei Stunden. Dann sieht man weiter.

 

Irmtraud Haug, ehrenamtliche Begleiterin und früher Lehrerin, versteht heute besser als früher, was hinter auffälligem Verhalten von Kindern stecken könnte. Sie leiden schlimm, sofern Erwachsene ihre Konflikte auf eine Art und Weise austragen, die für Kinder kaum auszuhalten ist. Kinder wollen nicht vom Vater oder von der Mutter hören, der andere Elternteil sei ein Monster. Denn Kinder lieben dieses Monster.

 

Zerstrittene Eltern stecken dennoch zuweilen so tief drin im Schlamassel, dass sie daran einfach nicht mehr denken. Beim begleiteten Umgang kommt dann alles hoch, und Brunhilde Ackerer hat solche Treffen auch schon abbrechen müssen, weil Erwachsene ihrer Emotionen nicht Herr werden konnten. Die Begleiter lassen nicht zu, dass Kinder bei diesen Treffen wieder all das anhören müssen.

 

Kinder fühlen sich vielleicht sowieso schon schuldig. Und sie werden, sobald sie wieder zu Hause sind, vielleicht eh nicht erzählen, es war schön, den Papa mal wieder zu sehen, und wir haben ein Spiel gespielt. Kinder spüren, wenn die Mutter das nicht erträgt. Sie wollen es beiden recht machen, „beide lieben dürfen“, wie Helga Quast sagt.

 

Vergeblich oder alles wird gut

 

Wer sich für ehrenamtliche Mitarbeit im begleiteten Umgang entscheidet, muss diese Konflikte aushalten. In Wochenendseminaren und bei Supervisionen erhalten die Teilnehmer, überwiegend sind’s Frauen, dafür Hilfen. In der Praxis werden sie völlig verschiedene Fälle erleben. Es passiert, dass ein Treffen ins Wasser fällt, weil der Erwachsene einfach nicht erscheint. Das Kind wartet dann Minute um Minute, und das tut weh. Manche Väter – meist sind es die Väter, die nach einer Trennung nicht mehr mit dem Kind zusammenleben – empfinden die Begleiterin beim Treffen mit ihrem Kind als Aufpasserin.

Andere sind froh, dass jemand dabei ist, da kann ihnen hinterher schon niemand was anhängen. Manche nehmen dankbar die Anregungen der Begleiterin an, was sie altersgerecht mit ihrem Kind spielen könnten; nicht jedem fällt dazu gleich was ein. Es kann auch passieren, dass nach Ende des begleiteten Umgangs der Kontakt völlig abbricht. Oder Kind und Elternteil haben jedes Mal einen Riesenspaß zusammen, und am Ende schaffen es die Eltern doch noch, gemeinsam eine für alle tragbare Lösung zu finden.

Zehn bis 15 Fälle im Jahr betreut der Kinderschutzbund. Das SOS-Kinderdorf bietet ebenfalls begleiteten Umgang im Rems-Murr-Kreis an. Zum Ehrenamtlichen-Team des Kinderschutzbundes zählen zwölf Begleiter, darunter zwei Männer. Für ihre Arbeit brauchen sie alle vor allem eins, wie Helga Quast sagt: „Gute Nerven.“

 

Text: Andrea Wüstholz

 

Kinder begleiten
Interessenten für eine ehrenamtliche Mitarbeit beim begleiteten Umgang des Kinderschutzbundes können sich in der Geschäftsstelle melden, Tel. 0 71 81/88 77 17. Der Kinderschutzbund bietet diese Hilfe in Waiblingen, Backnang und Schorndorf.

Artikel als pdf, erschienen in den Schorndorfer Nachrichten am 5. Juli 2011

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