Lisette und Ihre Kinder 10. Juli 2013

Lisette und Ihre Kinder

Ruhig und freundlich – so war Lisette auf der Kinoleinwand im Traumpalast zu erleben und im anschließenden Gespräch mit den Zuschauern. Foto: ZVW

„Lisette und ihre Kinder“: Stuttgarter Ausnahme-Erzieherin kam zum Gespräch mit dem Kinopublikum in den Traumpalast

Schorndorf. Hüpft ein Kind zur Begrüßung, hüpft sie einfach mit und begibt sich auch sonst oft mit den Kleinen auf Augenhöhe. Mit dem Dokumentarfilm über die Stuttgarter Ausnahme-Erzieherin Lisette, den der Kinderschutzbund im Traumpalast gezeigt hat, bekommt Wertschätzung einen ganz anderen Stellenwert. Und welch’ Gewinn für die Zuschauer, im Anschluss mit Lisette über ihren außergewöhnlich kindgerechten Erziehungsstil reden zu können.

Von solchen Bedingungen können die vielen Erzieherinnen, die der Einladung des Kinderschutzbundes in den Traumpalast gefolgt sind, natürlich nur träumen: 33 Jahre lang arbeitete Lisette in dem von einer Elterninitiative betriebenen „Kleinen Kindergarten“ in Stuttgart-Vaihingen als Erzieherin – mit gerade mal zwölf Kindern in der Gruppe. Schöne, heile Kindergartenwelt. Doch im Gespräch nach dem Dokumentarfilm, den Sigrid Klausmann und ihr Ehemann, der Schauspieler Walter Sittler, vor einigen Jahren gedreht haben, gibt Lisette den Kinogästen eines mit auf den Weg: „Oft ist viel mehr möglich, als man denkt.“

Und siehe da: Die Streithähne kommen selbst zu einer Lösung

So erlebt man Lisette in ihrem letzten Kindergartenjahr nie von oben herab, sondern immer bei den Kindern. Zugleich lässt sie ihnen Zeit und Raum – gerade wenn’s um die Lösung von Konflikten geht. Hätten andere längst in den Streit der drei Jungs um den besten Platz in der Reihe eingegriffen, hält sie sich erst mal raus, beobachtet, nimmt dennoch Anteil und tröstet, wenn’s sein muss. Und siehe da: Die Streithähne einigen sich auch so. „Das ist“, sagt Lisette, „doch eine andere Sache, wenn sie selbst an der Lösung beteiligt sind.“

Kinder sind willkommen, das ist Lisettes Credo – bis heute: Denn obwohl ihr letztes Kindergartenjahr längst vorüber ist, dem „Kleinen Kindergarten“ ist sie treu geblieben. Womöglich, weil sie „das gemütliche Zusammensein und das Innige mit den Kindern“ nicht missen mag. Doch wo, will im Anschluss an den Film eine Zuschauerin wissen, „haben Sie das her, diese Eselsgeduld?“ Fühlen sich Erzieherinnen oft am Ende ihres Berufslebens eher ausgebrannt, vermittelt die Endsechzigerin bis heute eine große Begeisterung für die Kinder. Und die kleine Gruppe allein kann’s nicht gewesen sein: „Ich konnte meinen eigenen Stiefel machen und vieles einfach selber ausprobieren“. Einem bestimmten pädagogischen Konzept folgte sie nie. Doch eines hat sie in den Jahrzehnten als Erzieherin sehr wohl festgestellt: „Manchmal ist weniger einfach mehr.“

Und hält heutzutage mit den Bildungsplänen der Leistungsgedanke auch Einzug in die Kindergärten, vertraut Lisette auf ihre Erfahrung. Sie richtet den Fokus darauf, was die Kinder erleben und nicht unbedingt darauf, was sie lernen sollen. Die Fähigkeit, mit sich selbst klarzukommen und kreative Lösungen für die Probleme des Lebens zu finden, ist der Ausnahme-Erzieherin wichtig. „Fertigkeiten“, hört man denn auch einen Vater im Film sagen, „haben die Kinder schnell gelernt“.

Lisettes Blick auf die Kleinen ist wohlwollend, nicht wertend. Die Eltern, die sie zu gemeinsamen Gesprächen über die Kinder einlädt, fühlen sich ernstgenommen. Der ruhigen und freundlichen Art Lisettes passt sich die Filmsprache an. Und wird auch die Umwelt immer unruhiger, „die Kinder und ihre Bedürfnisse sind dieselben geblieben“, sagt Lisette und beobachtet bei den Eltern zugleich, dass sie immer weniger Zeit haben, sich zu engagieren: „Sie sind froh, wenn’s läuft.“ Für die Erzieherinnen in Regelkindergärten mit 26 Kindern in der Gruppe freilich würde es besser laufen, wenn die Bedingungen andere wären. Kleine Gruppen und mehr Freiräume – wer das möchte, empfiehlt Lisette in der Diskussion, müsse der Politik auf die Nerven gehen. „Das haben mir“, sagt sie, „Politiker selbst empfohlen.“

von Barbara Pienek

 

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